…Täuschland – Als ich noch ein Türke war.

Ilyas ist mein Name! Oder "Bart", mein Spitzname. Manche nennen mich auch "Tigerbart“! Schon immer? Nein. Erst seit dem ich 14 bin. 14? Wieso 14? Und wieso "Bart"? Na mit 14 rasiert man sich nun mal als frühreifer türkischer Jugendlicher. Dann gehts rasend schnell und mit 15 dann die Kotletten.  

Überhaupt habe ich damals schon immer gedacht, wir Türken seien viel schneller Mann, als unsere deutschen Freunde. Deutsche Freunde!? Ja, ja! Denn nicht jeder Ausländer wächst in Deutschland isoliert auf.

Wem hab ich das zu verdanken? Bad Camberg! Ein Städtchen mit mittlerweile 15000 Einwohnern im Taunusgebirge, in seiner Geschichte auch als "Goldener Grund" bezeichnet. Alles in allem ein recht überschaubarer Ort.

Im jugendlichen Möchtegern-Gangsta-Slang auch "B.C." genannt. Manche sagen auch einfach nur "Big City". Aber zurück zu meinen deutschen Freunden (Grüsse hier vor allem an Daniel, auch "Klofti" genannt), welche ich seit meines Wegzugs aus "B.C.", zwecks Studium, recht vermisse. Freunde mit denen man gross geworden ist. Nicht unbedingt erwachsen, aber doch viel erlebt und erfahren hat. In einer kleinen Stadt ist es eben fast nicht möglich sich zu isolieren. Man geht zusammen in die Schule, man trifft sich im Jugendzentrum, geht in die Kneipen, die hier in dieser urbanen Grössenordung haupsächlich Namen wie "Bierklinik" oder "Zum Roten Ochsen" haben. Man grüsst sich auf der Strasse, man kennt sich im Städtsche. Und trotz einem zwischenzeitlichen Ausländeranteil von fast 10% existieren keine Ressentiments gegenüber anderer Haut-, Haar- oder Augenfarbe. Meiner Meinung nach, ein guter Ort um einer unbefangenen, unvoreingenommen und unverbauten Zukunft entgegen zu gehen. Als Kind! Das ist wichtig, denn als Kind wird man am stärksten geprägt im Leben.

Bald ist man 21, studiert, hat an der Freiheit des Lebens geschnuppert, aber die grosse weite Welt will man dann doch noch sehen.   

Aber wie geht das am besten? Na klar! Mit dem deutschen Pass. Kein Visa mehr, kein Stress. Die Welt wartet auf dich, die Welt ist zu klein für dich! Ich bin Türke und der Pass ist nur ein Stück Papier. Also, lets go!

Wenn nur der Stolz nicht wäre. Der Stolz, der dir sagt: So nicht! Nicht wenn auf Hessens Strassen Unterschriften gesammelt werden, die eine doppelte Staatsbügerschaft nicht zulassen wollen. Wenn Menschen in Wiesbadens Fussgängerzone an CDU-Stände kommen und fragen wo man hier gegen die Türken unterschreiben könne. Was ist Deutschsein? Sich nur einem Staat gegenüber loyal zu verhalten? Wenn Begriffe wie Leitkultur von einigen politischen Parteien in den Medien genannt und diskutiert werden. Ich hab es nie verstanden, wollte es auch nicht mehr verstehen, wenn es überhaupt jemand verstanden hat?

Denn mein Stolz wurde angegriffen. Ich, der es unter diesen Umständen, der von der damaligen neuen Schröder-Regierung propagierten doppelten Staatsbügerschaft, nicht wert sei aufgenommen und auch als deutscher Staatsbürger akzeptiert zu werden. Zugegeben ich fühlte mich als Türke, aber ich war Türke in Deutschland. Meine Sprache, mein Denken ist deutsch! Aber jung und wild wie ich war: "Wenn ihr mich so nicht haben wollt, dann scheiss ich auf euren Pass!"

Wie ich zum Deutschen wurde und die Stadt...

Nur das habe ich erkannt. Dass der Anstoss einer unbeantworteten Frage wie: Was ist deutsch? Oder: Was definiert das Deutschsein?, jedem Peter und jeder Marion die Bürde auflegt sich selbst eine x-beliebige Antwort zu finden. Und im schlimmsten Fall die Umkehrfrage erlaubt: Was ist nicht deutsch? Und das ist viel einfacher zu beantworten. Um es einmal zu banalisieren, ist jeder, der eben nicht so aussieht wie ein Peter und eine Marion, dann eben nicht deutsch. Das heisst, er ist oder könnte, im Rahmen der aktuellen Auseinandersetzung mit der Ausländerkriminalität, suuuper gefährlich sein! Möge Peter sonst noch so cool und aufgeschlossen sein, so wird er im innersten dennoch Vorbehalte gegen Ali haben. Aber bedeutet das für die nichts anderes, als sich etwa  gegenseitig auszugrenzen. Bedeutet das nicht, dass ein Ali oder Luigi, niemals die Möglichkeit haben werden deutsch zu sein oder noch viel schlimmer, sich deutsch zu fühlen?

In der Grossstadt zu leben, ist ein anderes Leben, um bei unserem Thema zu bleiben. Hier ist es anonymer, weil viel mehr Menschen da sind. Menschen die sich nicht kennen. Eine gesunde Einstellung zum Leben ist, nicht jedem sofort zu trauen aber auch nicht jedem zu misstrauen. Wird diese Haltung aber von aussen beeinflusst, z.B. in dem man zu Wahlkampfzeiten, einigen Bürgern dieses Landes anprangert gar keine richtigen Deutschen sein zu wollen oder pauschal schärfere Gesetze gegen Ausländerkriminalität fordert, dann kann es passieren, dass ich, bärtig wie ich bin, an Strassencafes vorbei der Sonne entgegen flaniere und die Menschen der Reihe nach ihre Handtaschen in Sicherheit bringen, bevor ich passiere. Oder aber auch am 12. September 2001 mit einem geschnürten Paket aus Büchern auf der Strecke Basel-Augsburg im ICE (rasiere mich nicht so gerne) Angst und Schrecken verbreite! Womit haben wir das verdient? Wie soll man sich bei der Angst die von einem Roland Koch geschürt und von der dritten Person im Staate unterstütz wird, jemals dazu in der Lage sein, sich deutsch zu fühlen?

Ich habe mal gelesen, dass sich früher, als Landesgrenzen noch nicht gefestigt waren, in Zeiten der Kaiser, Könige und Fürstentümer, als es also Deutschland noch nicht gab, wohl aber das Deutschsein, eben dieses sich nicht etwa durch Grenzen, sonder über die Sprache und Kultur der Völker definiert haben muss. Welch schöne Vorstellung für die Gegenwart. Zumindest für die,  (Grüsse nach Kreuzberg) die deutsch können.

Apropos Deutschland und die Deutschen. Ich lebe nun schon seit sieben Jahren in der deutschsprachigen Schweiz und hatte auch hier, als ein im kleinstädtischen Idyll aufgewachsener Mensch mit grossen Ressentiments zu kämpfen. Nicht etwa weil ich Türke bin oder nicht nur, nein! Viel mehr, weil ich Deutscher bin! Weil ich deutsch bin. Weil ich deutsch rede. Dem Schwyzerdütsch nicht mächtig, Schweizer dazu zwang sich umzustellen und hochdeutsch zu reden und diese im schlechtesten Fall einfach darauf verzichten mit mir zu reden, d.h. mich ausschliessen. Ich bin deutsch! Ja. Ich bin so laut wie ein Deutscher und presche genau so schnell vor wie ein Deutscher und bin auch so locker, vielleicht ein bisschen mehr, als ein Deutscher. Kurz: ich bin kein Schweizer. Ich bin mehr deutsch als türkisch, das ist so. Aber diese Erkenntnis habe ich keinem deutschen Politiker, ob rot, grün oder schwarz zu verdanken. Nach 26 Jahren Lebens haben es nur die Schweizer geschafft (Danke Schweiz!) mir eine deutsche Identität zu geben, ohne dass ich meine türkische aufgeben musste. Erst dann, weit entfernt vom Thema doppelte Staatsbürgerschaft, konnte ich ruhigen Gewissens das türkische Stück Papier aus den Händen geben und den  deutschen Pass beantragen, welchen ich nun seit über fünf Jahren besitze. Abgesehen von ein paar kleinen Rechtsansprüchen in der alten Heimat, benötigt man wohl auch keine zweite Staatsangehörigkeit. Da gibt es auch andere Regelungen die akzeptabel sind. Aber dennoch wäre es damals eine Möglichkeit gewesen, ein Zeichen zu setzen. Bürgern Deutschlands, mit nicht deutschen Wurzeln, zu sagen, ihr seid hier geboren, hier sozialisiert worden, mit allen guten und schlechten Seiten der Medaille. Das ist eure Heimat. Ihr habt ein Recht auf diesen Pass, weil wir Landsleute sind, weil wir zusammengehören, weil wir zusammenleben - werden, vielleicht?

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